Betäubungslose Ferkelkastration – diese Alternativen haben Landwirte ab 2021

Urheber: krumanop | Fotolia
Ferkel

In Sachen Ferkelkastration wird unter Politikern von Bund und Ländern, Landwirten, Fleischwirtschaft und Tierschützern immer noch heftig diskutiert. Nachdem die Bundesländer gegen eine Fristverlängerung gestimmt hatten, hat nun der Bundestag die Verlängerung der Frist bis Ende 2020 am 9. November beschlossen.

Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration lässt noch zwei Jahre auf sich warten

Damit ist klar: Während auf männliche Ferkel noch zwei schonungslose Jahre warten, haben Landwirte und Fleischwirtschaft dagegen noch eine Schonfrist, um sich auf die neuen Methoden für die Ferkelkastration vorzubereiten. Dafür ist es auch allerhöchste Zeit, denn die fünfjährige Umstellungsphase ist fast verstrichen, ohne, dass es viele praxisreife Alternativen gibt. Zwar stehen verschiedene Möglichkeiten zur Wahl, doch für die breite Masse verfügbar sind diese bisher oft nicht. Auch, wenn das Narkosemittel Isofluran wie eine Impfung theoretisch einsatzbereit wären, fehlen Fortbildungsmöglichkeiten sowie Ausrüstung für eine flächendeckende Nutzung.

38 Mio. Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundestages freigegeben, um damit Maßnahmen rund um die schmerzfreie Ferkelkastration zu fördern.

Info: Warum müssen Ferkel kastriert werden?

Das Problem mit der kastrationsfreien Mast männlicher Schweine ist der Ebergeruch des Fleischs. Dieser entsteht bei geschlechtsreifen Ebern durch das Hormon Androstenon sowie den im Darm gebildeten Stoff Skatol. Beide Komponenten lagern sich im Fettgewebe des Tieres ab. Skatol riecht fäkalienartig, Androstenon gibt einen schweiß- bis urinartigen Geruch ab. Eine explosive Mischung also, vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Lebensmittel handelt. Erhitzt man das Fleisch, verstärkt sich der Gestank extrem. Auf diese Art belastetes Fleisch gilt als genussuntauglich. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung nehmen den Geruch der beiden Stoffe besonders stark wahr und gelten als empfindlich gegenüber Ebergeruch.

Um das Problem Ebergeruch zu umgehen, werden männliche Ferkel seit Generationen kastriert, wodurch sie nie Geschlechtsreife erlangen und keinen unangenehmen Geruch im Fleisch entwickeln. Um die Kastration von etwa 20 Millionen Ferkeln jährlich praxistauglich zu machen, war sie bisher in Deutschland bis zum siebten Lebenstag ohne Betäubung erlaubt.

Alternative 1: Betäubung der Ferkel mit Isofluran

Isofluran ist ein seit den Achtzigern angewandtes Narkosegas, das mittlerweile durch die Europäische Zulassungsbehörde auch für die Ferkelkastration freigegeben wurde. In Deutschland soll es ab Ende 2018 eine Verordnung des Bundeslandwirtschaftsministeriums geben, laut der es Landwirten mit einem Sachkundenachweis erlaubt werden soll, das Narkosemittel selbst anzuwenden. Aktuell fehlt aber noch entsprechendes Zubehör; zudem müssten in Deutschland etwa 15.000 Landwirte und Tierärzte an Schulungen teilnehmen. Finanziert wird das ganze über zusätzliche Gelder im Agrarhaushalt, die bereits bewilligt wurden. Isofluran ist allerdings keine Alleinlösung, denn es wirkt nur schwach analgetisch (schmerzstillend). Tierschützer fordern deshalb daneben die Anwendung einer Lokalanästhesie.

Alternative 2: Ebermast

Es könnte so schön einfach sein: Bei der Ebermast bleiben die männlichen Tiere bis kurz vor der Geschlechtsreife und der damit in Zusammenhang stehenden Hormonproduktion in der Mast. Ihr Mastendgewicht liegt dann bei etwa 94 bis 97 Kilo, was etwa fünf bis 25 Kilo weniger ist als bei Kastraten und 15 bis 35 Kilo weniger als das Endgewicht bei Sauen.

Kompliziert bei der Ebermast ist in der Praxis die nach Geschlechtern getrennte Haltung. Leider hat sich außerdem gezeigt, dass die Kombination aus etwas schlechterem Schlachtkörper und verschärften Abrechnungsmasken der Schlachtunternehmen für Veredler geringere Erlöse bedeutet. Für viele lohnt sich daher die der unkastrierten männlichen Tiere nicht. Zudem ist problematisch, dass ein gewisser Prozentsatz der Eber weiterhin den typischen Geruch zeigt. Die Akzeptanz im Einzelhandel für größere Mengen ist bisher nicht ausreichend gegeben.

Alternative 3: Die Impfung – Immunokastration

Die einzig praxisreife Alternative zur betäubungslosen Kastration ist leider auch die, die von Verbrauchern und Einzelhandel am wenigsten akzeptiert wird. Dies zeigen Beispiele aus der Schweiz und Japan, wo sich Fleisch von Immuno-Kastraten nicht durchsetzen konnte. Dabei enthält die als Hormonfleisch verschriene Alternative zum Eberfleisch eigentlich weniger Hormone als Fleisch von Ebern.

Die Wirkung der Immunokastration ist ähnlich wie bei einem Impfstoff, weswegen in den Medien auch häufig von einer Impfung gesprochen wird. Der Stoff regt den Körper an, Antikörper gegen die eigenen Geschlechtshormone zu bilden. Dadurch baut der Organismus Androstenon selbstständig ab, was auch die Skatolwerte vermindert. Das verhindert Ebergeruch im Fleisch.

Der große Vorteil der Immunokastration ist, dass die Schlachtkörper ähnlich wie die von Kastraten behandelt werden könnten. Auch das Verhalten der Tiere ist vergleichbar ruhig und umgänglich wie bei kastrierten Schweinen.

Alternative 4: Lokalanästhesie

Vollständig schmerzfrei ist im Idealfall die Lokalanästhesie der Ferkel vor der Kastration. Bei dieser Variante der betäubten Kastration sollen die Landwirte oder ihre Mitarbeiter eine lokale Schmerzspritze setzen. Zwar erfreut sich die Idee unter Veredlern großer Beliebtheit, jedoch gibt es zwei schwerwiegende Probleme damit. Zum einen ist die Bundestierärztekammer gegen eine Anästhesie durch Laien, zum anderen halten Ferkel – besonders in Stresssituationen – nicht lange genug still, dass es möglich wäre, die Spritze genau an der richtigen Stelle zu setzen. Dies könnte bedeuten, dass die Tiere trotzdem Schmerzen erleiden. Der vierte Weg klingt also auf den ersten Blick wie eine simple Lösung, ist in der Realität jedoch am weitesten vom Praxiseinsatz entfernt.

Ferkelproduzenten und Veredler verunsichert

Die anhaltende Diskussion um die Ferkelkastration lässt Landwirte zwischen den Stühlen sitzen. Auf der einen Seite stehen das Tierwohl und der Wunsch des Verbrauchers nach artgerechter Behandlung der Ferkel, auf der anderen erhöhte Kosten, neue Herausforderungen, die schnell gemeistert werden müssen sowie der Ausblick auf eine unsichere Zukunft. Nicht wenige Schweinehalter denken deshalb über eine Betriebsaufgabe nach. Deutlicher kann das Zeichen an die Politiker nicht sein: Die Landwirtschaft braucht endlich Lösungen.

Was Veredler und Ferkelproduzenten jetzt tun können

Auch, wenn die gerade beschlossene Fristverlängerung aufatmen lässt, ist es für Sie als Schweinehalter nun wichtig, Maßnahmen zur Vorbereitung zu ergreifen.

  • Nutzen Sie Schulungsangebote und nehmen Sie an Fortbildungen zum Erhalt eines Sachkundenachweises im Umgang mit Isofluran oder anderen Betäubungsmöglichkeiten teil. Lassen Sie auch Ihre Mitarbeiter solche Veranstaltungen besuchen.
  • Prüfen Sie die Voraussetzungen in Ihrem Betrieb für die Ebermast. Dies erfordert die stallbaulichen Möglichkeiten, die Geschlechter getrennt zu halten. Des Weiteren benötigen Sie eine gute Sortierung zum Mastende. Eine genaue Kalkulation ist vonnöten, da die Schlachtkörper von Mastebern bei den Schlachtereien schlechter bewertet werden als die von Börgen und Sauen.
  • Sobald Betäubungsmethoden oder Impfung praxisreif sind, vergleichen Sie genau in Hinblick auf Kosten pro Ferkel, Arbeitsaufwand, benötigtes Equipment und nötige Zusatzausbildung der Anwender.

Sie haben Fragen? Rufen Sie uns an.
+49 228 9550-100

* * Selbstverständlich können Sie die Broschüren auch unabhängig von einer Newsletter-Anmeldung anfordern. Schreiben Sie uns dazu bitte eine kurze E-Mail mit Link zu dieser Seite.