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Rinder

Das Hausrind und seine Bedeutung für die Landwirtschaft

Rinder gehören weltweit zu den wichtigsten Nutztierarten. Der Mensch hielt sie zunächst in seiner Nähe, um Fleisch zu gewinnen, später wurden sie zudem als Zugtiere eingesetzt. Auch die Kuhmilch und die daraus hergestellten Produkte haben immer mehr an Bedeutung gewonnen. Nicht zuletzt nutzt man die Haut der Tiere für Lederwaren wie Schuhe, Kleidung, Taschen und Gürtel. Vergessen sollte man in dieser Liste auch nicht den Dung der Rinder, der als ein wichtiger Dünger für die Produktion von Futter- und Nahrungspflanzen dient. Auch in Zeiten von Kunstdünger sind Gülle und Mist von Rindvieh nicht aus der modernen Kreislaufwirtschaft wegzudenken.

Die Paarhufer sind bis heute in vielen Ländern wichtige Arbeits- und Zugtiere. Rinder galten früher in einigen Kulturen als Statussymbol, sie waren Bestandteil von festlichen und religiösen Ritualen. Im Hinduismus gelten sie bis in die jetzige Zeit als heilig. Auch in der modernen Gesellschaft spielen Rinder eine wichtige Rolle. Domestizierte Rassen sind mittlerweile auf der gesamten Welt heimisch, versorgen die Bevölkerung mit Milch und Fleisch und nehmen daher einen bedeutenden Stellenwert in der Wirtschaft und Landwirtschaft ein.

Geschichte der Rinder in der Landwirtschaft

Ursprünglich stammen die Vorfahren – eurasische Auerochsen – unserer heutigen Hausrinder aus der Gegend um Anatolien und dem Nahen Osten. Domestiziert wurden sie wahrscheinlich vor etwa 10.000 bis 8000 Jahren. Vor etwa 7500 Jahren entwickelte sich in der Bevölkerung Europas eine genetische Mutation, die es auch erwachsenen Menschen erlaubte, die Laktose (Milchzucker) in Milchprodukten zu verdauen. Diese Fähigkeit verbreitete sich von hier aus in die ganze Welt, heutzutage vertragen etwa Dreiviertel der Erdbevölkerung Milch auch als Erwachsene. Dieser Umstand förderte die Entwicklung der modernen Hausrinderrassen und ihrer Bedeutung für den Menschen.

Während mittlerweile sogar domestizierte, züchterisch bearbeitete Arten in manchen Regionen wildlebend vorkommen, sind die ursprünglichen Wildrinder wie der Bergwisent oder der Auerochse ausgestorben.

Färse, Stier und Kuh – die unterschiedlichen Bezeichnungen erklärt:

  • Neugeborene Rinder bezeichnet man bis zum siebten Lebensmonat als Kalb, danach heißen sie Jungrinder.
  • Weibliche Rinder bezeichnet man als Färsen, bis sie das erste Mal gekalbt haben.
  • Nach der ersten Kalbung nennt man weibliche Rinder Kühe.
  • Ein Bulle oder Stier ist ein geschlechtsreifes männliches Rind.
  • Ochsen sind kastrierte männliche Rinder.

Verdauung und Physiologie des Hausrinds

Das Besondere an Rindern ist das Verdauungssystem. Sie sind Wiederkäuer und besitzen wie auch Schafe, Ziegen oder Giraffen vier verschiedene Mägen, um ihr Futter zu verdauen. Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen. Die ersten drei nennt man auch Vormägen, der Labmagen gilt als der eigentliche Magen. Die Vormägen funktionieren als Gärkammer, in der langkettige Zellulose aus pflanzlicher Nahrung aufgeschlossen wird. Dies geschieht durch Fermentation. Diese Fähigkeit erlaubt es den Tieren, Energie aus Pflanzenfasern zu gewinnen, die für andere Säugetiere nur Ballaststoffe ohne zusätzlichen Nährwert wären. So können Wiederkäuer beispielsweise aus für Schweine physiologisch kaum wertvollem Gras ihre gesamte benötigte Energie gewinnen.

Ihr Futter nehmen Rinder zunächst unzerkaut auf, später im Liegen würgen sie es wieder hoch, um es mithilfe ihrer Backenzähne zu zerkleinern. Die oberen Schneidezähne hat die Natur beim Rind durch eine Dentalplatte aus verhornter Schleimhaut ersetzt. Mit dem Wiederkäuen sind die Tiere etwa vier bis neun Stunden pro Tag beschäftigt. Die Futteraufnahme selbst dauert etwa sechs bis elf Stunden.

Folgenden Weg nimmt das Futter bei Rindern und anderen Wiederkäuern durch die vier Mägen:

  • Der Pansen, auch Rumen genannt, ist mit 100 Litern Fassungsvermögen der größte Magen im Verdauungssystem der Rinder. Er enthält eine große Anzahl an Mikroorganismen, die eine wichtige Rolle bei der Verdauung des Futters spielen und den pH-Wert stabil halten. Zusammen mit dem Netzmagen sorgt der Pansen für das Hochwürgen grober Futterteile und den Weitertransport zerkleinerter Futterpartikel im Verdauungstrakt.
  • Der Netzmagen hat seinen Namen von der typischen reliefartigen Ausformung seiner Schleimhaut. Er hat bei Rindern ein Volumen von etwa 6 Litern. Zusammen mit dem Pansen sorgt er für das Hochwürgen grober Futterbestandteile zum Wiederkäuen. Zudem bewegen die beiden Vormägen kleinere Futterpartikel ständig zwischen sich hin und her, um sie weiter zu verfeinern und für die nächsten Stationen der Verdauung vorzubereiten.
  • Im etwa 8 Liter fassenden Blättermagen werden dem Futterbrei Wasser und Mineralstoffe entzogen. Seine faltenartige Struktur erlaubt es, den Nahrungsbrei regelrecht auszupressen. Dies erzeugt auch einen pumpenartigen Effekt, um den Brei aus dem Netzmagen zu ziehen und in den Labmagen zu befördern.
  • Der bei Rindern circa 12 Liter fassende Labmagen ist der eigentliche Drüsenmagen der Wiederkäuer, ähnlich dem der Monogastrier (Tiere mit nur einem Magen). In ihm werden durch Verdauungssäfte Kohlenhydrate chemisch aufgespalten. Die nächste Station ist der Darm, wo dem Futterbrei weiter Nährstoffe entzogen werden. Seinen Namen hat der Labmagen von der Zeit, in der Kälber noch Milch saugen. Bei Jungtieren wird im Labmagen das Labferment aus den Enzymen Pepsin und Chymosin erzeugt. Dieses lässt die Milch gerinnen und bereitet sie so auf die weitere Verdauung vor. Lab aus Kälbermägen spielt traditionell eine wichtige Rolle bei der Käseherstellung. Damit die Muttermilch nicht in den Pansen gelangt, wo sie für erhebliche Verdauungsprobleme sorgen würde, sondern gleich im Labmagen landet, verfügen Saugkälber über den Schlundrinnenreflex. Dieser verschließt den Pansen und leitet die Milch direkt in den richtigen Magen weiter. Damit dieser Reflex optimal funktioniert, sollten Kälber immer mit angehobenem Kopf saugen und nicht etwa von oben aus Eimern oder Trögen trinken.

Das natürliche Futter der Rinder besteht zum größten Teil aus Gräsern und Kräutern, im Winter auch vereinzelt aus Blättern und Eicheln. Als Wiederkäuer benötigen Sie große Mengen an Rohfaser, um die Pansenflora zu erhalten und zu unterstützen. Der Anteil an der Gesamtration sollte deshalb bei Nutzrindern nicht unter 18 bis 20 Prozent liegen. Der Hauptlieferant von Rohfaser ist Grün- und Grundfutter. Ergänzt wird dieses in der modernen Landwirtschaft durch Kraftfutter, Mastfutter oder Milchleistungsfutter.

Wie viel Wasser brauchen Rinder?

Während die Trinkmenge von Bullen und Jungrindern noch moderat ist, benötigen Milchkühe durch ihre hohe Leistung fast doppelt so viel Wasser.

  • Eine Milchkuh braucht etwa 40 bis 80 Liter Wasser pro Tag.
  • Ein Mastbulle kommt mit 10 bis 40 Litern Wasser aus.
  • Ein Jungrind benötigt 10 bis 30 Liter.

Leistungswunder im Stall – Nutzung als Milchvieh

Deutschland ist mit 4,2 Millionen Milchkühen der wichtigste Milcherzeuger der Europäischen Gemeinschaft. Die Milchproduktion ist der bedeutendste Betriebszweig der hiesigen Landwirtschaft. Die meisten Milchviehbetriebe gibt es in Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Milchkuhherden in Bayern umfassen durchschnittlich 39 Tiere, Großbetriebe in den östlichen Bundesländern halten im Schnitt über 220 Tiere. Im bundesweiten Schnitt erreichen Milchkühe eine Leistung von über 7.700 kg Milch pro Jahr. Weiterhin steigend ist der Anteil des ökologisch gehaltenen Milchviehs. Aktuell liegt dieser bei über 4 Prozent vom Gesamtbestand in Deutschland.

Typische Milchrassen sind Braunvieh, Jersey, Angler (Deutsches Rotvieh) und Holstein-Friesian. Letztere sind Hochleistungskühe und die weltweit am weitesten verbreitete Milchviehrasse. Mit einer Leistung von bis zu 10.000 kg pro Jahr stehen die Holsteins klar an der Spitze der erfolgreichsten Milchrassen. Die Fleischleistung der milchbetonten Rassen fällt gering aus, trotzdem nutzen viele Mäster in Deutschland Bullenkälber von Milchrassen zur Mast. Diese kommen bei der Nachzucht von Milchrindern auf die Welt.

Milchkühe haben einen hohen Futter- und Wasserbedarf, da sie für die Laktation große Mengen an Energie, Makronährstoffen und Flüssigkeiten brauchen. Ihre Rationen bestehen meist aus Grundfutter wie Gras oder Grassilage und Milchleistungsfutter oder einer hofeigenen Kraftfuttermischung.

Während der Laktationsphase werden Kühe zwei- bis dreimal am Tag gemolken. Dazu werden sie vom Stall in einen Melkraum mit Melkständen in Reihen, Fischgrätenform oder Melkkarussell getrieben. In modernen Anlagen mit kleinen bis mittleren Beständen finden sich zudem immer häufiger Melkroboter.

Eins für alles – die Zweinutzungsrinder

Wie der Name schon sagt, sind Zweinutzungsrassen nicht wie ihre Kollegen aus der Milch- und Fleischproduktion auf eine Nutzungsrichtung spezialisiert. Sie eignen sich für beide Produktionszweige und zeigen in beiden Bereichen mittelmäßige bis gute Leistungen. Spitzenleistungen bei Tageszunahmen und Milchmenge sind dagegen nicht zu erwarten. Neben Rassen mit ausgeglichener Ausprägung der beiden Richtungen gibt es noch milchbetonte Doppelnutzungsrassen, die ein wenig mehr zur Milchleistung tendieren.

Ideal sind Zweinutzungsrassen für Betriebe, die Milchvieh halten und nebenbei mästen oder männliche Kälber als Mastbullen verkaufen. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die reine Mastnutzung, in der anfangs bei Kälbern und Jungtieren überdurchschnittlich gute Tageszunahmen durch die hohe Milchleistung der Mutter möglich sind. Auch Ökobetriebe setzen gerne auf Zweinutzungsrinder, weil sie sich gut in die Kreislaufwirtschaft integrieren lassen, da Milchvieh oftmals robuster ist als spezialisierte Rassen und sich hervorragend für die Mutterkuhhaltung eignet. Viele der langsam wachsenden Rassen zeichnen sich zudem durch eine gute Fleischqualität aus.

Die bekannteste Zweinutzungsrasse ist das Fleckvieh, regional auch Simmentaler oder Simmentaler Fleckvieh genannt. Die rotbunten Rinder überzeugen durch gute Milchmengen sowie Tageszunahmen. Kühe, die aus dem Milchviehbetrieb abgehen, bieten eine gute Schlachtausbeute und dadurch höhere Erlöse in diesem Bereich.

Einige weitere Zweinutzungsrassen kommen aus Höhenlagen und Gebirgsregionen. Darunter das Gelbvieh, das Glanrind und Pinzgauer. Aus niederen Lagen kommen beispielsweise das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind sowie Deutsche Rotbunte Doppelnutzung (DN).

Männerdomäne: Nutzung von Rindern zur Mast

Die Rindfleischerzeugung ist in Deutschland der fünftwichtigste Produktionszweig der Landwirtschaft, EU-weit liegt die Bundesrepublik nach Frankreich auf Rang zwei der wichtigsten Rindfleischproduzenten. Die Erzeugung von Rindfleisch steht hierzulande im engen Zusammenhang mit der Milchviehhaltung. Zur Mast werden oft männliche Kälber aus der Reproduktion von Milchkuhherden genutzt, des Weiteren kommen Altkühe in die Fleischproduktion. Deshalb sind auch in der Rindermast die meistgenutzten Rassen Milch- und Zweinutzungsrassen.

Bei Bullen aus Milchviehbetrieben beginnt die Mast bereits zwei Wochen nach der Geburt (als Kalb), im Alter von zwei Monaten (als Starter) oder mit vier bis sechs Monaten (als Fresser). Sie werden früh abgesetzt, da die wertvolle Milch der Mutterkuh gemolken und an die Molkereien geliefert wird. Zunächst bekommen die Bullenkälber Milchaustauscher und Raufutter, später die üblichen Mastrationen aus Silage und Kraftfutter. Bei den etwas älteren Fressern beginnt die Mast direkt mit dem Mastfutter.

Am spätesten in die Mast steigen sogenannte Absetzer aus Mutterkuhbetrieben ein. Sie kommen mit sechs bis neun Monaten in den Mastbetrieb, nachdem sie die vorherige Zeit als Saugkälber bei den Mutterkühen gehalten wurden. Bei dieser Mastart werden die üblichen Fleisch- und Mutterkuhrassen wie beispielsweise Charolais, Limousin, Angus, Blonde d’Aquitaine oder Galloway eingesetzt. Typisch für diesen Betriebszweig ist es, Mastbullen und -färsen gleichermaßen zu mästen. Gehalten werden die Mastrinder meist in Gruppen auf Vollspaltenböden, in Ställen mit Tief- oder Flachstreu oder seltener extensiv auf der Weide.

Der Anteil von ökologisch produziertem Rindfleisch in Deutschland liegt bei über 4 Prozent und steigt jedes Jahr. Am beliebtesten in der Biorindfleischproduktion ist die Mutterkuhhaltung, die problemlos nach ökologischen Standards und als Extensivmast durchgeführt werden kann. Anders als in der konventionellen Rindermast spielen im Ökolandbau auch Mastochsen eine Rolle. Viele Betriebe halten ihre Herden auf der Weide, dabei ist es unkomplizierter kastrierte Ochsen mit Färsen zusammen zu halten.

Natürlich und artgerecht: Mutterkuhhaltung

Einen kleinen Teil der deutschen Rindfleischproduktion bildet die extensive Mutterkuhhaltung auf der Weide. Sie gilt als besonders tierfreundlich und schafft eine optimale Kombination aus den Ansprüchen an landwirtschaftliche Erzeugung und den natürlichen Bedürfnissen der Rinder. Etwa 40 Prozent aller Mutterkühe in Deutschland werden in den neuen Bundesländern gehalten. Essentiell wichtig für Wirtschaftlichkeit dieser Art der extensiven Haltung sind günstige Weideflächen, die nicht für andere Nutzungen gebraucht werden oder sich dafür nicht eignen. Daher bieten sich meist Wiesen im Mittelgebirge, staunasses Grünland oder Trocken- und Magerweiden an.

Unterschieden werden zwei wesentliche Arten. Die Winterstallhaltung, bei der die Herden während der Vegetationsperiode auf Weiden und im Winter im Stall gehalten werden sowie die ganzjährige Weidehaltung.

Besonders anspruchsvoll ist die Mutterkuhhaltung durch die doppelte Nutzung der vorhandenen Flächen. Zum einen wird das Winterfutter darauf gewonnen, zum anderen werden sie als Weide genutzt. Vom Landwirt erfordert dies ein vorausschauendes, lückenloses Management. Hohe Anforderungen stellen zum Beispiel Nährstoffversorgung der Böden, Parasitenprävention sowie die Ernte des Winterfutters. Anders als bei reiner Stallhaltung können auch medizinische Versorgung, Klauenpflege und Umtrieb für die Herden viel Stress bedeuten, da sie den Kontakt zum Menschen nicht in der Art gewohnt sind wie Tiere in Stallhaltung. Vom Landwirt und seinen Mitarbeitern verlangt die Mutterkuhhaltung daher Sachverstand, Geduld und gute Vorbereitung auf die jeweiligen Maßnahmen.

Von Anbindehaltung bis Offenlaufstall – so lebt Milchvieh

Die beliebteste Haltungsform für Milchvieh ist der offene Laufstall, darunter ist der gängigste der Boxenlaufstall. Über 70 Prozent der deutschen Milchkühe leben in dieser Haltungsform. Generell können sich Rinder in solchen Ställen frei bewegen, je nach Ausführung gibt es Lauf- und Liegeflächen sowie Fressplätze. Der offene Boxenlaufstall vereint Ansprüche an ein möglichst hohes Tierwohl mit Praktikabilität im Arbeitsalltag und optimaler Flächennutzung. Unterteilt sind diese modernen Stallanlagen in die Funktionsbereiche Fressen, Laufen und Liegen. Die Liegebereiche sind einzeln abgeteilt und als Tiefboxen mit Einstreu oder Hochboxen mit Matten ausgestattet. Am Futtertisch gibt es genügend Fressplätze für jede Kuh. Für die Laufbereiche gibt es meist ein Entmistungssystem.

Einige kleinere Betriebe, vielfach in Süddeutschland gelegen, halten ihre Tiere noch in Anbindehaltung. Die ganzjährige Anbindehaltung ist ab 2020 nur noch in Ausnahmefällen erlaubt. In dieser Haltungsform stehen die Kühe in abgeteilten Ständern und sind am Kopf oder Hals fixiert. Im Sommer gehen sie stundenweise oder ganztags auf die Weide oder bekommen Auslauf auf einem Paddock.

Insgesamt hat ein Drittel der Milchkühe in Deutschland Weidegang, meist etwa fünf bis sechs Monate im Sommerhalbjahr.

Fleischproduktion in Stall und Weide – so werden Mastrinder gehalten

Über 40 Prozent des in Deutschland produzierten Rindfleischs stammt aus Mastbullenhaltung. Im Vergleich zu anderen Ländern ist der durchschnittliche deutsche Rindermastbetrieb mit etwa 13 Tieren pro Betrieb eher klein. Der Anteil an spezialisierten Bullenmastbetrieben mit 100 oder mehr Tieren ist gering, jedoch werden hier fast die Hälfte der in Deutschland geschlachteten Bullen gemästet. Gehalten werden die Rinder hier meist in Gruppen von sechs bis acht Tieren auf Vollspaltenboden oder auf Tretmist und Tiefstreu. Gängig ist auch die Kombination von eingestreuten Liegeflächen und planbefestigten Laufgängen.

Einen geringen Anteil nimmt hierzulande die saisonale oder ganzjährige Weidemast ein. Beliebt sind dafür klassische Extensivrassen wie Welsh Black, Schottische Hochlandrinder (Highland-Cattle) und Galloway. Bei dieser Mastart füttern Landwirte ihren Herden fast ausschließlich frisches Gras und konserviertes Grünfutter. Kraftfutter bekommen die Tiere meist nur in der Endmast und gelegentlich über den Winter.

Aus ökologischer Rindermast stammen über 4 Prozent des in Deutschland produzierten Rindfleischs. Die beliebteste Haltungsform ist hierbei die Mutterkuhhaltung.

Biofutter und Kreislaufwirtschaft – ökologische Rinderhaltung

Die Bio-Landwirtschaft gewinnt auch in den letzten Jahren an Bedeutung, die Zahl der ökologisch bewirtschafteten Flächen steigt. Dieser Trend zeigt sich auch in der Produktion von Milch und Rindfleisch. Für Landwirte, die auf Bio umstellen, sind dabei vor allem die nachhaltigere Bewirtschaftung des Betriebs, das Tierwohl sowie die Aussicht auf höhere Erlöse interessant. Die Rinderhaltung nimmt in der ökologischen Kreislaufwirtschaft eine besondere Bedeutung ein. Gerade in Öko-Verbänden mit starker Ausrichtung auf geschlossene Stoffkreisläufe und ganzheitliche Konzepte ist die Rinderhaltung ein wichtiges Element für die einzelnen Betriebe.

Rinderfütterung im Biolandbau

Einer der wichtigsten Unterschiede zur konventionellen Rinderproduktion ist im Ökolandbau die Herkunft des Futters. Es muss aus rein ökologischem Landbau stammen und sollte zu 60 Prozent im eigenen Betrieb hergestellt worden sein. Zudem sollen nicht mehr als 40 Prozent des Futters (umgerechnet auf die Trockenmasse) aus Kraft- oder Leistungsfutter bestehen, während den Laktationsspitzen darf dieser Anteil auf 50 Prozent erhöht werden. Dies soll eine besonders artgerechte Fütterung gewährleisten.

Anders sind auch die Vorschriften zur Aufzucht der Kälber. Sie müssen mindestens drei Monate mit natürlicher Kuhmilch versorgt werden. Diese können sie bereits gemolken aus Nuckeleimern bekommen, manche Landwirte lassen die Kälber in dieser Zeit auch direkt bei der Mutter saugen.

Rinderhaltung im Bio-Betrieb

Im ökologisch bewirtschafteten Betrieb kommen ähnliche Haltungsformen zum Einsatz wie in der konventionellen Landwirtschaft. Die größten Unterschiede sind der vorgeschriebene Auslauf und ein etwas größeres Platzangebot. Betriebe, die einem Öko-Verband angehören, müssen sich zusätzlich an die jeweiligen Vorgaben halten. Das können Verpflichtung zum Weidegang, mehr Platz oder ein verbessertes Beschäftigungsangebot für die Tiere sein. Deutlich höher als in der konventionellen Produktion ist der Anteil an Mutterkuhhaltung mit ganzjähriger oder mehrmonatigerer Weidehaltung.

Die tiergerechte, möglichst natürliche Haltung hat in der Bio-Landwirtschaft einen großen Stellenwert. Deshalb dürfen Rinder nicht enthornt werden, zudem dürfen auch keine Schwänze amputiert werden. Die Enthornung wird nur in Ausnahmefällen auf Antrag erlaubt und muss dann unter Betäubung vom Tierarzt durchgeführt werden. Viele Landwirte greifen daher auf genetisch hornlose Zuchtlinien zurück. Selbst dies ist zum Beispiel im Demeter-Verband nicht erlaubt. Bis auf einige Fleischrassen müssen die Rinder hier alle Hörner tragen.

Einschränkungen gibt es für Biobetriebe auch bei der Gabe von Medikamenten. Wie auch in konventionellen Betrieben müssen die Tiere bei gesundheitlichen Problemen und Krankheiten sofort behandelt werden, jedoch sind alternative Heilmethoden vorzuziehen, wenn sie Aussicht auf Erfolg bieten. Bei Gabe von Medikamenten muss außerdem die Wartezeit verdoppelt werden. Vorbeugende Antibiotikagaben sind nicht erlaubt. Überschreiten die Medikamentengaben die Maximalgrenzen für die jeweiligen Altersklassen, darf das Fleisch nicht mehr als ökologisch vermarktet werden.

Wirtschaftsfaktor Genpool – Rinderzucht in Deutschland

Deutschland ist eines der wichtigsten Zuchtgebiete für Rinder, eine Vorrangstellung nimmt es bei der Milchviehzucht ein. Die von hier stammende Rasse Holstein-Friesian ist die beliebteste, leistungsstärkste und anpassungsfähigste Milchrasse der Welt. Etwa 1,6 Millionen eingetragene Holstein-Zuchtrinder gibt es in Deutschland. Das ist die weltweit größte Zuchtpopulation dieser Rasse.

Die Rinderzucht wird hierzulande über staatlich anerkannte Zuchtverbände sowie Zuchtunternehmen organisiert. Diese führen Zuchtbücher, stellen Zuchtbescheinigungen für jedes Tier aus und führen Leistungsprüfungen sowie Zuchtwertschätzungen durch. Da die Nutztierzucht einen hohen Stellenwert für die Landwirtschaft hat, wird sie über das Tierzuchtgesetz (TierZG) staatlich geregelt.

Während in anderen Produktionszweigen Zucht und Vermehrung verschieden gehandhabt werden und unterschiedlichen Stellenwert einnehmen, gehört die züchterische Bearbeitung der Herde für den Milchviehhalter sehr oft zum Arbeitsalltag. Über die Zucht hat der Landwirt die Möglichkeit, Milchleistung, Eutergesundheit, Fruchtbarkeit sowie das Exterieur der Herde zu beeinflussen. So lassen sich von Generation zu Generation Leistungen und Gesundheit verbessern und Erlöse maximieren. Die Besamung des Milchviehs erfolgt in der Regel künstlich mit Samen von anerkannten, geprüften Zuchtbullen. Natursprünge sind selten.

Auch in der Fleischrinderproduktion wird meist künstlich besamt. Gerade in der Mutterkuhhaltung und im ökologischen Landbau gibt es aber auch Herden, die ständig oder zeitweise zusammen mit einem Bullen gehalten werden.

Tierwohl und Leistung Hand in Hand – Tiergesundheit in der Rinderproduktion

Da Rinder deutlich länger im Bestand bleiben als andere Nutztiere, hat ihre langfristige Gesunderhaltung einen besonderen Stellenwert. Das gilt speziell für Milchkühe, die bei extremen Belastungen durch hohe Leistung möglichst mehrere Jahre Nutzungsdauer erreichen sollen. Auch bei Mastvieh und Zuchttieren ist der Blick auf die Gesundheit wichtig für den langfristigen Erfolg des Betriebs.

Euterkrankheiten bei Milchkühen

In der Milchviehhaltung treten die meisten gesundheitlichen Probleme der Kühe am Euter auf. Nicht verwunderlich, denn gerade bei Hochleistungskühen ist das Organ während der Laktationsphase extremen Belastungen ausgesetzt. Die häufigste Erkrankung ist die Euterentzündung (Mastitis) durch eine bakterielle Infektion der Milchdrüsen. Durch Leistungseinbußen, Behandlungskosten und nicht verwertbare Milch ist sie ein teurer Kostenpunkt in der Milchproduktion. Bei vermehrtem Auftreten sind Entzündungen zudem immer wieder Ursache für einen frühzeitigen Abgang einer Kuh aus dem Betrieb.

Der erste Hinweis auf Euterprobleme im Bestand ist eine Erhöhung der Zellzahl in der Milch. Bei einzelnen Kühen, die bei über 200.000 Zellen liegen, kann es nötig werden, spätestens beim Trockenstellen eine Behandlung durchzuführen. Um Euterkrankheiten vorzubeugen, hilft ein gutes Management bei Sauberkeit und Hygiene im Stall und besonders auf den Liegeflächen, bei der Zitzenreinigung und Melkhygiene sowie die individuelle Beobachtung und Behandlung jeder Kuh beim Melken. Langfristig lohnt es sich auch, die Nachzucht auf Eutergesundheitsmerkmale wie lange Strichkanäle zu selektieren.

Klauengesundheit im Rinderbestand

Nach Fruchtbarkeitsproblemen und Euterkrankheiten sind der dritthäufigste Grund für frühzeitige Abgänge bei Milchvieh Lahmheiten. Diese werden meist ausgelöst durch Klauenkrankheiten. Die Ursachen dafür liegen zum einen in Fehlbelastungen der Kühe, zum anderen in Hygieneproblemen in der Haltung. Zudem hat die Fütterung einen erheblichen Einfluss auf die Klauengesundheit. Vorbeugend gegen Klauenkrankheiten wirkt Sauberkeit im Stall, optimale Versorgung über das Futter, gutes Management bei der Klauenpflege sowie eine züchterische Bearbeitung des Bestandes im Hinblick auf Fehlstellungen.

Mehr Mägen, mehr Probleme – Verdauungskrankheiten bei Rindern

Durch das empfindliche Vormagensystem sind Rinder – besonders hoch leistende Tiere –anfällig für Verdauungsprobleme und Stoffwechselkrankheiten. Darunter beispielsweise die akute oder subakute Pansenazidose, eine Übersäuerung des Pansens. Im milder verlaufenden Fall sorgt diese für Leistungseinbußen und Gesundheitsprobleme, im akuten Fall ist sie sogar lebensbedrohlich. Gefürchtet ist das Milchfieber, ausgelöst durch einen Kalziummangel in der Kalbezeit, das für die Kuh innerhalb von Stunden oder Tagen lebensbedrohlich werden kann. Weit verbreitet ist auch die Ketose durch Energiemangel in der Laktationsphase.

Viele Verdauungsprobleme haben ihre Ursache in Fütterungsfehlern. Die empfindlichen Mikroorganismen im Pansen reagieren sensibel auf Veränderungen des pH-Werts, die beispielsweise durch einen zu hohen Stärkeanteil in der Ration hervorgerufen werden kann. Wird die Pansenflora geschädigt, verläuft die Verdauung nicht mehr optimal, das Rind wird krank.

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