Getreidefreies Kraftfutter: Insekten als Revolution im Futterbau

Mehlkäfer – Urheber: hostpro | Fotolia
Insekten als Futter

Ob als Hundefutter, gesunder Hipster-Burger oder eben als Alternative zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung: Insekten sind aktuell wortwörtlich in aller Munde. Nun drängen auch Anbieter auf den Markt, die meinen, eine proteinreiche Alternative für Viehfutter gefunden zu haben. Doch was ist da dran und sind Ihre Marktanteile nun von Heuschrecken, Fliegen und Maden bedroht?

Die Zahlen sind wahrlich erschreckend. In 22 Jahren (erinnern Sie sich, vor 22 Jahren schrieben wir das Jahr 1996, gar nicht so weit weg oder?) soll die Weltbevölkerung um 70 % angewachsen sein. Doch gerade vor dem Hintergrund des weltweiten Flächenfraßes wird es kaum möglich sein, den daraus resultierenden Ackerflächenbedarf zum Anbau von ausreichendem Viehfutter zu befriedigen. Die Suche nach Alternativen läuft schon eine ganze Zeit auf Hochtouren.

Beispiel: Die PHW-Gruppe, der Wiesenhof-Konzern, kooperiert nun bei der Suche nach eiweißhaltigen Alternativen für NON-GMOÜbersee- Soja mit der Enterra Feed Corporation, einem kanadischen Unternehmen, das auf der Suche nach Ersatz für Sojaschrot ist.

Neue EU -Verordnung ebnet Weg für Insektenfutterinhaltsstoffe

Am 1.7.2017 ist die geänderte EU-Verordnung 2017/893 in Kraft getreten. Damit wurden die rechtlichen Voraussetzungen für die Verwendung von Nutzinsekten zur Tierfütterung – jedoch zunächst nur in Aquakultur – geschaffen.

Seitdem dürfen in Europa folgende Insektenarten in verarbeiteter Form als Fischfutter (bzw. Mischfuttermittel für die Aquakultur) eingesetzt werden: die schwarze Soldatenfliege, die Stubenfliege, Mehlkäfer, Getreideschimmelkäfer sowie die Grillenarten Heimchen, Kurzflügel- und Steppengrille.

Achtung: Die Zulassung dieser Insekten in Geflügel- und Schweinefutter wird in der nächsten Zeit erwartet.

Besonders im Fokus: die schwarze Soldatenfliege

Neben ihrem insektentypischen hohen Proteingehalt (40 % Eiweiß und Fett), der sie als adäquaten Ersatz für die umstrittenen Importe von Sojaschrot aus Südamerika ins Spiel bringt, ist sie noch aus einem weiteren wichtigen Grund besonders nachhaltig: Diese Fliegenlarven gedeihen auf allen möglichen organischen Abfällen.

Ob auf Pflanzenresten, Hühner- oder Schweinemist oder sogar menschlichen Fäkalien – rein theoretisch können die Fliegenlarven überall kontrolliert aufgezogen werden. Zum einen eine äußerst preisgünstige Art der Aufzucht, zum anderen auch sehr nachhaltig.

Denn eine andere Verwendung würden diese Lebensmittelabfälle und/oder Fäkalien sonst nicht mehr finden. Doch das ist aktuell nur graue Theorie. Denn die erwähnte EU-Verordnung sieht vor, dass die Verwendung von Wiederkäuer-Proteinen, Küchen- und Speiseabfällen, Fleisch- und Knochenmehl sowie Gülle als Futter für Insekten verboten ist.

Kraftfutter ohne Getreide ist möglich – zumindest theoretisch

Ein von der EU gefördertes Projekt um den Agraringenieur Geert Bruggeman ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es möglich ist, Nutzvieh ein komplett aus Maden bestehendes Kraftfutter zu verfüttern und somit vollständig auf pflanzliche Bestandteile zu verzichten.

Doch es gibt weiterhin viele Probleme, die noch nicht gelöst sind. Neben Fressfeinden und Schimmelbefall bei der Aufzucht, steht weiterhin die Gesetzgebung im Weg. Denn ausgelöst durch die europäische BSE-Krise ist es weiterhin (außer bei Fischmehl) verboten, verarbeitete tierische Dünger ins Tierfutter zu geben.

Und als noch größeren Knackpunkt sehe ich aktuell auch die Gesellschaft. Denn so könnten ja zumindest unverarbeitete Insekten dem Futter beigemengt werden; das wird jedoch in der Gesellschaft und damit auch beim immer stärker fordernden Handel auf wenig Gegenliebe stoßen.

Ein weiteres ungelöstes Problem: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen, die auf Shrimps allergisch reagieren, nicht auch auf Fleisch von Vieh, dessen Futter Insektenanteile enthält, allergisch reagieren. Zu ähnlich sind sich die Strukturen von Schalentieren und Insekten. Das macht sowohl die Zulassung als auch die Vermarktung deutlich schwieriger.

Wann können wir mit Insektenfutter rechnen?

Bis also wirklich Soja durch Insektenprotein im Futter ersetzt werden kann, wird es noch dauern. Zum einen müssen aufwendige Fütterungsstudien klären, wie die Zusammensetzung des Futters verändert werden kann, ohne Tiergesundheit oder -wohl zu gefährden.

Zum anderen ist die Akzeptanz in der Bevölkerung zumindest aktuell nicht gegeben. Insbesondere, weil sich durch die Reduktion des Sojaschrotimports die Abholzung des Regenwalds in Südamerika verlangsamen würde. Der Methanausstoß von Rindern, der einen Großteil der Treibhausgasemissionen ausmacht, würde durch den Ersatz von Sojaschrot durch Insekten auch nicht gesenkt.

Dementsprechend müssen Sie sich in der näheren Zukunft zwar nicht vor der Verdrängung von Getreide als Futtermittel durch Grillen, Fliegen & Co. fürchten. Sicher ist jedoch auch, dass der Futterbau auf lange Sicht den Anforderungen der wachsenden Weltbevölkerung angepasst werden wird.

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