Feinstaub aus der Landwirtschaft Schuld an Todesfällen – was ist wirklich dran?

Landwirtschaft und Feinstaubbelastung – was ist dran? © Schlegelfotos – Shutterstock
Feinstaub

Die Aufregung um Feinstaub hat einen neuen Motor – und der läuft nicht mit Diesel. Nachdem vor allem Fahrzeuge mit Dieselmotor im Zentrum der Diskussion standen, haben Forscher jetzt die Landwirtschaft ins Visier genommen. Sie sehen durch eine neue Studie tierhaltende Betriebe in Deutschland als Hauptverursacher von Feinstaub – und geben ihnen damit indirekt Mitschuld an 120.000 vorzeitigen Toden. Was hat die Landwirtschaft mit Lungenkrankheiten zu tun? Und ist sie wirklich schuld an Zehntausenden Todesfällen?

Warum ist Feinstaub so gefährlich?

Verschiedenste Untersuchungen belegen, dass Feinstaub gesundheitsschädlich ist. Je kleiner ein Staubpartikel in unserer Atemluft ist, desto tiefer kann er beim Einatmen in die Atemwege gelangen. Dabei kann feiner Staub auch Lungenbereiche erreichen, aus denen er nicht mehr durch natürliche Mechanismen ausgeschieden werden kann. Sogenannte ultrafeine Staubpartikel können sogar über die Lungenbläschen in den Blutkreislauf gelangen und so auch an weiteren Stellen im Körper Schaden anrichten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in Untersuchungen herausgefunden, dass jede noch so kleine Menge an Feinstaub in der Luft schädlich auf die Gesundheit wirken kann. Im Gegensatz zu anderen Schadstoffen gibt es also keine Grenzwerte, ab denen das Risiko steigt, gesundheitlichen Schaden zu erleiden.

Felder, grüne Wiesen und bäuerliche Idylle – wo kommt da der Feinstaub her?

Wer bei Luftverschmutzung aus der Landwirtschaft zuerst an einen qualmenden Schlepper-Auspuff denkt, liegt daneben. Tatsächlich entsteht laut Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz der Großteil des landwirtschaftlich verursachten Staubs durch Ammoniak aus Gülle und Mist. Dieses verbindet sich in der Luft mit anderen Gasen wie Schwefeldioxid und Stickoxiden und wird so zu Feinstaub. Nach Auswertung von Daten aus 40 Studien aus insgesamt 16 Ländern sowie einer Computersimulation sieht die Forschergruppe die Landwirtschaft in Deutschland als Verursacher von circa 45 Prozent an der gesamten Feinstaubbelastung. Sie hat danach den größten Anteil an dieser Art von Luftverschmutzung. So berichtete es die „Tagesschau“ und das ARD-Magazin „Monitor“.

Über 50.000 Menschen gestorben: Ist die Landwirtschaft wirklich schuld?

Wer näher hinsieht, erkennt im viel diskutierten Bericht über die Ergebnisse des Mainzer Instituts ein paar Schwachstellen. Genauer aufgeführt hat diese das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen in seiner aktuellen „Unstatistik des Monats“. Darin wird betont, dass niemand direkt an Feinstaub stirbt. Tatsächliche Todesursachen sind Krankheiten, die unter anderem auch von feinen Staubpartikeln verursacht worden sein könnten. Man kann gar nicht genau sagen, ob ein Mensch an den Folgen von Feinstaub gestorben ist. Die Datenlage sage lediglich aus, ob Menschen einer Gruppe kürzer gelebt haben als die in anderen Stichproben. Auf Basis dieser Daten können Wissenschaftler über Berechnungen herleiten, ob Personen durch eine bestimmte Ursache gestorben sein könnten. Die Ergebnisse sind als berechnete Simulation der Realität zu betrachten und stimmen laut RWI nur mit einer Wahrscheinlichkeit von +/- 50 Prozent.

Hinzu kommt, dass das Team des Max-Planck-Instituts in dieser Studie gar nicht die Auswirkungen von Feinstaub auf die Gesundheit untersucht. Es zieht Daten aus anderen Arbeiten heran und nutzt diese für weitere Berechnungen.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Studie noch nicht veröffentlicht ist. Somit ist es derzeit nicht diskutabel, ob die Landwirtschaft an den Ursachen tatsächlich schuld ist.

Fakt ist: Es gibt Daten dazu, dass Menschen, die Feinstaub mehr ausgesetzt waren, früher sterben als Personen, die Feinstaub weniger ausgesetzt waren. Es gibt auch Studien, die belegen, dass Menschen, die Feinstaub ausgesetzt waren, eher an bestimmten Krankheiten leiden als andere. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Ammoniakemissionen zur Feinstaubbildung in der Atmosphäre beitragen. Und es gibt gemessene Feinstaubwerte, darunter auch vergleichsweise hohe Werte in Regionen mit viel Viehhaltung. Was es aber nicht gibt, ist eine Untersuchung, die hieb und stichfest beweist, dass die deutsche Landwirtschaft schuld daran ist, dass über 50.000 Menschen zu früh gestorben sind. Die Diskussion und Berichterstattung um das Feinstaubproblem greifen so das Image eines der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes an, bevor es belastbare Fakten zum Thema gibt.

Wie wichtig ist es, die Feinstaubbelastung auf dem Land zu senken?

Was die Studie des MPI wirklich aussagt ist, dass dringend Bedarf an weiterführender Forschung besteht. Die Daten deuten darauf hin, dass große Mengen des gesundheitsschädlichen Feinstaubs nicht nur von Industrie und Transport verursacht werden, sondern auch von großen Viehhaltungen. Dass diese Art der Luftverschmutzung der Gesundheit schaden kann, ist lange bekannt. Es ist also wichtig und richtig, dass das Problem weiter untersucht wird und Landwirte gleichzeitig mitarbeiten, um die Emissionen zu reduzieren. Genau wie in anderen Branchen auch.

Wie können Landwirte die Feinstaubbelastung der Luft sofort reduzieren?

In der Landwirtschaft gibt es zwei wesentliche Ursachen von Staubemissionen. Die Primäremission durch Schlepperabgase, Feldarbeiten oder Reifenabrieb sowie die Sekundäremissionen durch Gase, die in die Luft gelangen und sich erst in der Atmosphäre mit anderen Stoffen verbinden und so Feinstaub bilden. Den wichtigsten Faktor hierbei bildet das Gas Ammoniak aus Gülle und Mist. Die Ammoniakemissionen einzuschränken hilft also, die Feinstaubbelastung in der Region einzugrenzen und so Mitmenschen und Tiere in der Umgebung vor möglichen Gesundheitsproblemen zu schützen.

Diese Maßnahmen reduzieren den Ausstoß von Ammoniak in die Luft:

  • Abluftreinigung in Stallanlagen
  • Stallsysteme mit Trennung von Kot und Harn durch Unterteilung in Ruhe-, Fress- und Kotbereich
  • Verbesserte Abdeckung der Güllelager
  • effiziente Nährstoffversorgung der Tiere und dadurch Verminderung der Güllemenge
  • moderne, bodennahe Methoden bei der Ausbringung von Gülle
  • Wetter bei der Ausbringung von Gülle verstärkt beachten

Quellen:

Berichterstattung der Tagesschau: https://www.tagesschau.de/inland/feinstaub-landwirtschaft-101.html

Unstatistik des Monats RWI: http://www.rwi-essen.de/unstatistik/87/

Stellungnahme des MPI zum offenen Brief des DBV: https://www.mpic.de/aktuelles/pressemeldungen/news/stellungnahme-des-mpi-fuer-chemie.html

Zur Schädlichkeit von Feinstaub (Umweltbundesamt): https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/warum-ist-feinstaub-schaedlich-fuer-den-menschen

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