Glyphosateinsatz in Deutschland – Droht der nationale Ausstieg?

Traktor beim Spritzen von Pestiziden – Urheber: RioPatuca Images | Fotolia
Traktor beim Spritzen von Pestiziden

Von Bienensterblichkeit bis Krebsrisiko – der Herbizid-Bestandteil Glyphosat wird für viele Probleme in Natur, Landwirtschaft und Gesundheit verantwortlich gemacht. Mit der EU-Zulassung des Pflanzenschutzmittels schien die Diskussion zunächst beendet. Jetzt fordern Politiker den Glyphosat-Ausstieg auf nationaler Ebene. Auch in Sachen Bienengesundheit gibt es unerwartete neue Erkenntnisse zum weltweit meistgenutzten Inhaltsstoff in der Unkrautbekämpfung.

Glyphosatausstieg auf nationaler Ebene in Deutschland möglich?

Der Unkrautvernichter Glyphosat ist in der EU bis 2022 zugelassen. Diese Tatsache bedingt eigentlich, dass die Zulassung auch für Deutschland gilt. Es gibt jedoch ein Schlupfloch, durch das man ein Verbot wieder zum nationalen Thema machen könnte. Laut einem Gutachten des Bundestags, das die Grünen-Fraktion 2017 in Auftrag gab, ist es unter bestimmten, sehr strengen Auflagen möglich, auf EU-Ebene zugelassene Pflanzenschutzmittel in Deutschland zu verbieten.

Glyphosat schädlich oder nicht: Was sagt die Wissenschaft?

Bereits 2015 hat die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Europäische Institutionen wie die Chemikalienagentur Echa und die Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) dagegen sehen ein mögliches Krebsrisiko als nicht ausreichend belegt an. Der Teufel liegt hier allerdings im Detail. Die IARC stuft neben Glyphosat beispielsweise auch heiße Getränke und Rindfleisch als „wahrscheinlich“ krebserregend ein. Sie macht eine grundsätzliche Aussage über das Potenzial einer Substanz, Krebs auszulösen. Nicht darüber, wie hoch das Risiko dafür ist oder, unter welchen Umständen dies passieren kann. Genau dies schauten sich europäische Behörden an und konnten für die üblichen Mengen, denen Verbraucher ausgesetzt werden könnten, kein erhöhtes Risiko feststellen.

Anders sieht es möglicherweise für die Anwender selbst aus. Einige Studien zeigen, dass Lymphknoten-Krebs bei Menschen, die Glyphosat regelmäßig ohne Schutzkleidung auf Felder ausbringen, signifikant häufiger vorkommt. Neuere Langzeitstudien konnten dies jedoch nicht bestätigen. An diesen orientiert sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Die Auswirkung von Glyphosat auf das Bienensterben

Eine neue Erkenntnis gibt es jetzt in Sachen Bienensterben. Nachdem Glyphosat jahrelang nicht damit in Verbindung gebracht werden konnte, haben Forscher der Universität von Texas jüngst doch noch direkte Auswirkungen auf Bienen festgestellt. Honigbienen, die dem Herbizid ausgesetzt waren, zeigten eine zugunsten von schädlichen Mikroben veränderte Darmflora. Wie auch bei anderen Lebewesen kann dies erheblichen Einfluss auf das Immunsystem der Bestäuber haben.

Auch indirekt hat das Herbizid schädigende Auswirkungen auf Nützlinge und die Insektenvielfalt in der Natur, da es extrem in Ökosysteme eingreift. Das liegt an der allumfassenden Abtötung aller Pflanzen, die in Kontakt mit dem Stoff kommen. Darunter auch Wildpflanzen, die als Nahrung oder Lebensraum für Insekten hätten dienen können. So greift das Mittel direkt die Biodiversität der Pflanzen an und indirekt in die der Tiere gleich mit.

Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse gewinnt die beendet geglaubte Glyphosat-Diskussion wieder deutlich an Fahrt.

Verbot des Pflanzenschutzmittels: Was fordern Politiker?

Konkret in dieser Diskussion wurde nun Umweltministerin Svenja Schulze von der SPD, die im November den Glyphosat-Ausstieg gefordert hat. Unterstützt sieht sie sich dabei durch Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. Nach dem Plan des Bundesumweltministeriums soll der Ausstieg schrittweise erfolgen. Die massenhafte Anwendung solcher Pflanzenschutzmittel gefährdet nach Einschätzung des Umweltministeriums die biologische Vielfalt. Sie töten Wildpflanzen und nehmen damit Vögeln und Insekten die Nahrungsgrundlage. Um in der Zwischenzeit negativen Umwelteinflüssen entgegenzuwirken sollen Landwirte Diversitätsauflagen befolgen und Blühstreifen anlegen sowie Brachflächen schaffen.

In drei Schritten will die Bundesumweltministerin den Einsatz von Herbiziden eingrenzen:

  • Durch Beschränkungen in der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung soll die Anwendung verringert werden. Darunter soll zum Beispiel ein Verbot der Anwendung von glyphosathaltigen Mitteln (beispielsweise Roundup) in Privatgärten fallen.
  • Zu Gewässern soll ein Abstand von 20 Metern eingehalten werden, innerhalb dieser Zone darf das Herbizid nicht verwendet werden.
  • Das Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel soll so verändert werden, dass auf die Biodiversität der Arten mehr Rücksicht genommen wird.

Zudem fordern Ministerin Schulze und Umweltbundesamtpräsidentin Maria Krautzberger einen endgültigen Glyphosat-Ausstieg bis spätestens Ende 2023.

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner von der CDU reagiert verhalten auf die neu vorgelegten Pläne und verweist auf die bereits gemeinsam besprochene Strategie aus dem Frühjahr 2018, deren Ziel eine Reduzierung des Glyphosat-Einsatzes ist.

Glyphosat weiter beliebt – das wollen konventionelle Landwirte

Pflanzenschutzmittel wie Roundup auf Basis von Glyphosat sind günstig und effektiv im Einsatz gegen Unkraut. Sie ermöglichen Bauern, schnell und unkompliziert gegen Unkrautbefall vorzugehen. Trotzdem erkennen viele Landwirte die negativen Umwelteffekte an, weswegen die deutsche Landwirtschaft allgemein daran arbeitet, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Allerdings soll dies ganz klar nicht durch Verbote, sondern durch gute landwirtschaftliche Praxis erfolgen. Zu finden sind diese Ziele in der Ackerbaustrategie des Deutschen Bauernverbandes. Danach sollen zum Beispiel Sortenwahl und Fruchtfolge dafür sorgen, dass weniger Pflanzenschutzmittel auf die Äcker aufgebracht werden müssen. Auch die Förderung der Vielfalt der Kulturlandschaft und der Biodiversität sind klar gesteckte Ziele der Landwirtschaft.

Verbote, Einschränkungen und erschwerte Zulassungsbedingungen begrenzen den Spielraum der Landwirte im Pflanzenschutz.

Diskussion um Glyphosat noch nicht beendet

Wer geglaubt hatte, die Diskussion um das Herbizid sei mit der EU-Zulassung bis 2022 erst einmal vom Tisch, hat sich getäuscht. Mit den neuen Forderungen hat die Umweltministerin diese nicht nur auf eine neue Ebene gebraucht, sondern wirft mit ihren Zielen hinsichtlich einer Zulassungsbeschränkung auch die Frage nach der Zuständigkeit neu auf.

Für Ackerbauern bedeutet dies, dass die Nutzung eines der verlässlichsten Mittel gegen Unkraut in Zukunft wieder auf der Kippe steht. Hinzu kommt der Ausblick auf möglichen Mehraufwand für Ausgleichsflächen.

Zu bedenken ist jedoch die Tatsache, dass sich ein potenzielles Gesundheitsrisiko besonders stark auf diejenigen auswirkt, die im Arbeitsalltag regelmäßig mit einer Chemikalie umgehen müssen. Deshalb sind eventuelle Verbote nicht zuletzt auch eine Maßnahme, um die Landwirte selbst zu schützen.

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